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Lebenskunst

Meditation über Kunst

Seit über 20 Jahren bin ich künstlerisch tätig. Aber wozu eigentlich Kunst und gibt es auch ein Ende der Kunst?

Der folgende Text ist eine innere Betrachtung, also rein subjektiv zu verstehen. Was Kunst ist und was nicht, oder wozu sie gut ist, muss jeder für sich entscheiden.

 

Anfang der Kunst

Erschaffung bedingt Zerstörung, Überfluss bedingt Mangel, Heilung bedingt Schmerz: Ohne eine innere Notwendigkeit hätte ich nie begonnen mich künstlerisch zu betätigen. Im Übrigen kann ich bis heute nicht einfach so zum Spaß künstlerisch tätig sein. Ohne Grund, keine Kunst.

In jungen Jahren war ich das Musterbeispiel eines melancholischen Clowns. Eine damals noch nicht verortbare, tiefe Traurigkeit wurde mit viel absurdem Humor kompensiert. Doch eben dieser diffuse Weltschmerz war eine zuverlässige Quelle für sprudelnde Kreativität.

 

Ende der Kunst?

Leidbewahrung vs. Leidüberwindung

Der schöpferische Prozess ist eine großartige Erfahrung, auf die man nicht verzichten will. Doch wenn Melancholie der Quell der Kunst ist, würde ihr Verschwinden das Ende der Kunst bedeuten.

Rückblickend war ich tatsächlich künstlerisch am produktivsten, als es mir besonders schlecht ging. In diesen jungen Jahren erkannte ich jedoch gar nicht, dass es mir schlecht ging. Ich verstand die Melancholie als ureigenen Bestandteil meiner Identität und nicht als etwas wovon ich mich heilen müsste – geschweige denn könnte.

Heute bin ich der Überzeugung, dass Melancholie keinesfalls ein ureigener oder gar grandioser Bestandteil von irgendeiner Identität ist, sondern schlicht ein Krankheitswert. Viele Künstler klammern sich jedoch mehr oder weniger bewusst an ihr. Eben weil sie glauben, dass sie ein Teil ihrer Identität sei oder weil sie Angst davor haben, ihre schöpferische Kraft zu verlieren. Spontan denke ich da an den Schriftsteller Michel Houellebecq oder an die Musiker Leonard Cohen und Max Herre. Max Herres neues Album droht übrigens besonders deprimierend zu werden. Hier ein niederschmetternder Vorgeschmack: Max Herre – Athen. In meinen Zwanzigern hätte ich dieses Lied bestimmt in Dauerschleife gehört. Heute wird mir dabei eher übel.

An diesem Song zeigt sich ein zeitloses Gesetz der Kunst: Es ist immer leichter berührende Kunst zu schaffen, die melancholisch statt erbaulich ist. Max Herre scheint mit den Jahren keine sonderliche Frohnatur geworden zu sein. Er klammert sich allem Anschein nach heftigst an seine Melancholie. Natürlich umso mehr, weil er vom Publikum seit Jahrzehnten Anerkennung bekommt und mit Musik seine Brötchen verdient.

So verwachsen Melancholie und Künstler immer mehr, bis hin zur Unauflösbarkeit.

Vielleicht ist Erfolg das Schlimmste was einem Künstler passieren kann. Ich für meinen Teil bin glücklicherweise von einem solchen Maß an Erfolg verschont geblieben. Und ja, die Eifersucht quillt aus allen Poren!

 

Weltflucht vs. Weltfindung

Um Kunst zu schaffen, bedarf es der Phantasie. Sigmund Freud sagt, dass vor allem diejenigen Phantasie brauchen, die die Realität nicht ertragen. Hier könnte man ableiten, dass die Notwendigkeit künstlerisch tätig zu sein daher rührt, dass man unfähig ist, sich weigert oder sich nicht traut, klar mit den Menschen und der Welt zu kommunizieren.

Allzu oft ist Kunst lediglich eine Mystifizierung der Realität, eine Verzauberung des Zauberlosen. Doch ein Leben in einer völlig entzauberten Welt wäre für die meisten Menschen kaum zu ertragen. Wohl auch kaum anzustreben.

Gleichzeitig sollte man sich fragen, gerade als Kunstschaffender, ob man Kunst mit dem Ziel der Weltflucht oder der Weltfindung macht.

Ich persönlich habe seit einigen Jahren die Nase voll von künstlerisch-masochistischer Selbstzerstörung, die dafür sorgte, dass ich immer tiefer im bittersüß-melancholischen Gewässer badete (Weltflucht). Irgendwann habe ich mich entschieden, dass der kreative Prozess heilsam sein soll (Weltfindung): Er soll mich durch den Schmerz hindurch führen und mir helfen ihn zu überwinden, statt in ihm zu versacken. Gleichzeitig (ganz unromantisch) bemühe ich mich heute um eine aufrichtige, mutige und vor allem unpoetisch klare Kommunikation, was ein extrem wirksames Mittel gegen Melancholie ist.

Dieser Weg zur Welt hat extrem viel Mut und Kraft gekostet. Vor allem weil nun die Gefahr besteht, dass im Laufe der Zeit mein künstlerischer Schaffensdrang schwindet und womöglich eine 20 Jahre alte Heimat verloren geht.

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