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Lebenskunst

Werd‘ erwachsen

„Was! Du bist schon 30? Siehst viel jünger aus!“ – beruhigend zu hören. Ich kann also davon ausgehen, dass ich auch noch auf dem Sterbebett frisch aussehen werde. Das nur nebenbei.

„Werd‘ erwachsen!“ ist wohl der Satz, den wir alle früher oder später, seltener oder öfter, von den Eltern an den Kopf geklatscht bekommen. Ob souverän auf den Punkt gebracht oder als hilfloses Totschlagargument verwendet, sei mal dahingestellt.

Aber was zum Teufel heißt das eigentlich, dieses „erwachsen werden“?  Nicht mehr in der Öffentlichkeit laut pupsen und rülpsen? Weniger Blödsinn reden? Weniger träumen? Sein Studium ernst nehmen? Seinen Job ernst nehmen? Das ganze Leben ernst nehmen? Verantwortung übernehmen für sich, für andere, für die Gesellschaft? Sich in Demut üben? Oder einfach nur aufhören seinen Eltern auf die Nüsse zu gehen?

Ich reagier allergisch auf diesen Spruch. Vielleicht weil ich ihn so oft zu hören bekomme? Keine Ahnung. Klar, er ist kränkend. Und man will es ja den Leuten Recht machen. Man will es aber vielleicht noch vielmehr den Leuten Unrecht machen!

Im Appell schwingt etwas Normatives mit, etwas, dass sich an Konventionen zu orientieren scheint. Man soll dem folgen, was in der Gesellschaft „üblich“ ist, als konform angesehen wird. Kommt „üblich“ nicht von „Übel“? Auf jeden Fall! Auch wenn ich kein Sprachwissenschaftler bin – erwachsen sein ist das übliche Übel!

Was Nietzsche mit der Dekonstruktion begründet hat, ist vielleicht eben das was mich und Gleichgesinnte vom erwachsen werden hindert? Werten wir alle Werte um! Die Pubertät geht in die Verlängerung! Wir wollen uns nicht starr an gegebene Werte orientieren, wir wollen Widerstand leisten, wir wollen selber experimentieren und aus der eigenen Erfahrung heraus ein eigenes Wertesystem aufbauen. Eine Hypothek aufnehmen ist heute irgendwie nicht mehr so sexy, weil das für uns eher Freiheitsentzug als Zugewinn an Sicherheit darstellt. Der eine bricht sein Jurastudium ab, der andere kündigt seinen gut bezahlten Job – und die Eltern verzweifeln!

Wir machen das schon richtig. Wenn wir heutzutage so frei sind, dann sollten wir auch diese Freiheit leben! Das heißt eben nicht auf den Rat der Eltern oder auf gesellschaftliche Konventionen vertrauen. Jeder soll mutig seinen unklaren Weg gehen, auch wenn am Anfang nur ein nebulöses Bauchgefühl da ist. Man lernt nur aus selbst gemachten Fehlern, wenn man selber auf die Fresse fällt. Ich glaube nicht, dass man aus einem gut gemeinten Rat etwas lernt. Ganz im Gegenteil: so ein gut gemeinter Rat verzögert nur die eigene Entwicklung! Verhau‘ es! Verkack‘ es! Und wälze dich triumphierend im Drecke deiner eigenen Fehlentscheidungen!

Es steckt so viel Leichtigkeit, Kreativität, Lebensfreude und positive Energie im Kind-bleiben: die Offenheit für Neues, das Träumerische, die Phantasie, der Humor, das Herumblödeln, die Experimentierfreude, immer wieder neu beginnen zu können und der spielerische Umgang mit Momenten des Scheiterns. Das Erwachsensein hat etwas schweres und humorloses an sich, etwas von festgefahren sein, von Verzicht auf Möglichkeiten, von Kapitulation und von Hinnehmen müssen – ohne wirklich zu müssen!

Keine Frage – je älter man wird, desto enger wird der Korridor der Möglichkeiten. Wovon ich mit 15 Jahren träumte, was ich mit 19 Jahren für möglich hielt, fing ich an mit 25 zu bezweifeln und habe mich mit 30 damit abgefunden, dass ich weder millionenschwerer Rapper noch Shaolin-Mönch werde.

Ach. Wahrscheinlich bin ich schon erwachsener als ich es zugeben möchte. Meine 23-jährige Exfreundin meinte mal, ich wär so ernst im Gegensatz zu ihren Kommilitonen. Fuck! Hinterhältig hat das Erwachsenen-Dasein sich in mein Leben eingeschlichen.

Ich bin erwachsen geworden.

Wenn das so ist, dann hoffe ich, dass daraus mehr Gelassenheit, Bewusstsein, eine Prise Weisheit und ein Haufen Heiterkeit erwachsen. Rülps!

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